Freitag, 14. September 2007

Präposition in Latein und Französisch

Qui se laudari gaudet verbis subdolis,
Sera dat poenas turpes poenitentia.
Cum de fenestra Corvus raptum caseum
Comesse vellet, celsa residens arbore,
Vulpes hunc vidit, deinde sic coepit loqui:
O qui tuarum, corve, pennarum est nitor!
Quantum decoris corpore et vultu geris!
Si vocem haberes, nulla prior ales foret.
At ille stultus, dum vult vocem ostendere,
Emisit ore caseum, quam celeriter
Dolosa Vulpes avidis rapuit dentibus.
Tum demum ingemuit Corvi deceptus stupor.
Hac re probatur ingenium quantum valet,
Virtute et semper praevalet sapientia.



Dieser originallateinische Text des Fabeldichters Phaedrus, die Geschichte vom Fuchs und dem Raben aus der Zeit des Kaisers Augustus, enthält, wie fast zu erwarten war, nur eine einzige Präposition - "de".

Com-esse, re-sidens, de-inde, de-coris, e-misit, in-gemuit, de-ceptus, pro-batur, in-genium, prae-valet enthalten zwar Morpheme, die mit Praepositionen allomorph sind. Um Praepositionen handelt es sich dabei nicht, sondern um adverbiale Bildungen. (Vergl. frz. se repentir de, wo es sich formal um das gleiche Phänomen handelt, nur dass das Praefix nachgestellt und nicht mit dem Verb zusammengeschrieben wird.)

Reine Präpositionen sind im Lateinischen sehr ausdrucksstark. Man kann sie ja auch weglassen und durch einen bloßen Ablativ ersetzen. In unserer Fabel macht "de" deutlich, dass Corvus den Käse selbst gestohlen hat. Er hat ihn an einem Fenster gefunden, wo ihn die Magd zwecks Kühlung zwischengelagert hatte, und ihn vom Fenster weggeführt. Das setzt ein winterliches Szenario voraus und auch die Vorstellung, dass es in römischen Behausungen im Winter schon so gemütlich warm war, dass eine Kühlung, z.B. von Milchprodukten notwendig wurde. Man sieht also, welchen Rattenschwanz an Interpretation dieses kleine de nach sich zieht.

Einige Prosakommentare des Mittelalters bezüglich derselben Fabel kennen noch die Wendung "in arbore". Dabei handelt es sich offensichtlich bereits um eine Übernahme aus einer Volkssprache. Im Französischen hieße diese Wendung "à l'arbre" (von lat. a, ad), die bei Phaedrus noch mit bloßem Ablativ wiedergegeben wird, was umgekehrt bedeutet, dass die ausdrucksschwachen französischen Präpositionen wie à, de, en, par die Funktion des praepositionslosen lateinischen Ablativ übernommen haben. Wollte man lat. de wiedergeben, müsste man eine starke Präposition z.B. "de provenance d'une fenêtre" förmlich konstruieren. Die allomorphen Präpositionalpräfixe hingegen sind schon im Lateinischen relativ bedeutungsschwach und bilden zusammen mit dem Stammwort eine ganz neue semantische Einheit Cum, re, de, ex, in, pro etc. kommen so auch im Lateinischen eher häufig vor, wenn auch nicht als Präposition.

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