Im altehrwürdigen Fischer-Lexikon von 1974 ist zu lesen, dass die Werke der lateinischen Schriftsteller Cornelius Nepos und Curtius Rufus - ich zitiere sinngemäß - eine Art Trivialliteratur darstellten, die ihren Inhalten in keiner Weise gerecht würden.
Die lange Überlieferungstradition, die häufige Erwähnung im kleinen Stowasser und die Tatsache, dass ich mit ebenjenen Autoren meine größten schulischen Erfolge in Latein erzielte, machen in meinen Augen eine solche Beurteilung obsolet.
Es ist auch die Frage, ob überhaupt die Wertung Gegenstand literaturwissenschaftlicher Betrachtung sein kann. Unter strukturellen Aspekten ist zudem die Beschäftigung mit weniger anspruchsvoller Literatur oft sogar ertragreicher als die mit Spitzenwerken.
Geht man von einer gewissen Trivialität der Alexanderbiographie bzw. der Vitae aus, so hätte das wiederum aus linguistischer Sicht die Konsequenz, dass dem klassischen Latein die kommunikative Funktion nicht mehr abgesprochen werden könnte. Die besagten Werke müssen einer Schicht durchschnittlich gebildeter Menschen, also selbst dem Vorsitzenden der plebejischen Partei, verständlich gewesen sein. Das klassische Latein war also mehr als ein bloßes Instrument zur Machtausübung, ist mit dem Prädikat "tote Sprache" nur unzureichend umschrieben, da es, etwa wie Altenglisch zu Englisch, als vergangene Sprachform zu einer Vielzahl von romanischen Sprachen angesehen werden kann.
Wie aber wird aus Latein z.B. Französisch? Nun, e i n Zug des Französischen ist sicherlich die Häufung präpositionaler Bildungen. Formen wie "fromage pur chèvre" oder "colle Uhu" zeigen jedoch, dass es auch ganz gut ohne Präpositipon abgeht. Man kann kaum Fehler machen, wenn man das Phänomen zum offenen Programm erhabt (créatrice voitures statt créateur d'automobiles). Auch können noch im Altfranzösischen scheinbar unmotiviert präpositionslose Reste der alten lateinischen Casus auftreten.
Nachdem à und de, indem sie auch die modernen Casus konstituieren, wesentlich ausdrucksschwächer sind als lateinisch ad und de, stellt sich die Frage, ob die französischen Varianten überhaupt noch als Präpositionen im eigentlichen Sinn dingfest zu machen sind. Dazu kommt noch en, das in Wendungen wie "en route", "en détail" oder "en vogue" eine Art ablativus localis bidet.
Ein Problem ist immer, wie ich diese Vielzahl obliquer Fälle in meinem französischen Satz unterbringe. Denn die etwas rigide Syntax des Französischen ergibt sich aus den Rudimenten des ursprünglichen Latein, daduch dass nämlich Nominativ und Akkusativ bzw. Rektus und Obliquus formal zusammengefallen sind.
Die lateinische Lokalsprache in Gallien ist gekennzeichnet durch eine fundamentale Umgestaltung des Vokalismus bei gleichzeitigem Kollaps des Konsonantismus. Wäre nicht Latein die gelehrte Umgangssprache geblieben, ein Reservoir, aus dem die Volkssprache unendlich schöpfen konnte, wäre von Französisch nahezu nichts mehr übrig geblieben, was ja in erster Linie auch die Präpositionen à, de und en betroffen hätte.
Dass das Lexikon nicht die Meinung eines seiner Autoren wiedergibt, sondern den Zustand einer Fachgruppe, nämlich der Humanisten bzw. Altphilologen dürfte nun hinreichend geklärt sein. Die Propagierung einer Sprache, die, fern jeglicher Pragmatik, nicht mehr die gesamte literarische Bevölkerung einbezieht, legt keinen Wert auf den kommunikativen Charakter von Sprache, die zur Geheimsprache mutiert. Werke etwa von Caesar oder Cicero erschließen einen kommunikativen Wert nur im Hinblick auf die Rezeption in späteren Zeiten. Gleiches gilt dann auch für die lyrische und epische Literatur, die eigentlich nur in einem kultischen Zusammenhang Gültigkeit besitzt.
Nachdem die bedeutenden französischen Sprachwissenschaftler zunächst Altphilologen waren, fehlt mir etwas eine Kathegorie wie "gesprochenes klassisches Latein" und die Fixierung des Zeitpunktes, an welchem das Sprechlatein mit dem klassischen Latein unvereinbar wird und sich so zum Vulgärlatein im eigentlichen Sinne des Wortes wandelt, was dann wiederum Ausgangspunkt für eine ganz neue zu lernenden Sprache wird.
Freitag, 24. August 2007
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